Paris Calligrammes

Deutschland/Frankreich 2019, Länge: 129 min, DCP, 1:1,85

Jeder Aufbruch beginnt mit einem Abschied: Wir schreiben das Jahr 1962, als sich Ulrike Ottinger von ihrer Heimatstadt Konstanz aus nach Paris aufmacht, weil ihr die politische Situation in Deutschland unerträglich geworden ist. Unterwegs sieht sie sich gezwungen ihre mit Eulen bemalte himmelblaue Isetta mit einem Motorschaden am Straßenrand zurückzulassen. Weiter geht die Reise als Anhalterin in einem großen schwarzen Citroën mit fünf Herren in Hut und Mantel, die Ottinger vorkommen „wie Bankräuber oder Darsteller eines Film Noir“. Kann eine Geschichte, die so beginnt, auf etwas anderes hinauslaufen als auf ein großes Abenteuer?

„Ich war 20 Jahre jung und mit dem festen Ziel nach Paris gekommen, eine große Künstlerin zu werden“, so setzt die Erinnerung Ottingers ein. In „Paris Calligrammes“ stellt sie sich der Herausforderung, einen Film zu machen „aus der Perspektive einer sehr jungen Künstlerin, an die ich mich erinnere, mit der Erfahrung einer älteren Künstlerin, die ich heute bin“.

In einem dichten Strom aus akustischem und visuellem Archivmaterial, verknüpft mit eigenen künstlerischen und filmischen Arbeiten, lässt Ottinger Saint-Germain-des-Prés und Quartier Latin mit ihren Literatencafés und Jazzkellern, die Begegnung mit Vertretern des jüdischen Exils, das Zusammenleben mit ihren Künstlerfreunden, die Gedankenwelt der Pariser Ethnologen und Philosophen, die politischen Umwälzungen des Algerienkrieges und des Mai 68 und das Erbe der kolonialen Zeit wieder aufleben. „Ich folgte den Spuren meiner Heldinnen und Helden“, erzählt Ottinger, „und wo immer ich sie fand, werden sie in diesem Film erscheinen.“

Viele von ihnen findet Ottinger im deutschen Antiquariat „Librairie Calligrammes“ des jüdischen Exilanten Fritz Picard, der rund 25 Jahre zuvor vor den Nazis nach Frankreich geflohen ist. Für Ulrike Ottinger wird die „Librairie Calligrammes“ „ein Ort, an dem die Hoffnung aufschien, eine brutal aus den Angeln gehobene Welt wieder zusammenzubringen“, eine gelebte und belebte Utopie.

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Paris Calligrammes – Eine Erinnerungslandschaft von Ulrike Ottinger (Ausstellung)

Paris Calligrammes (Publikation)

Kinostart 05. März 2020 im Verleih Real Fiction
Trailer
Fotografien
Pressestimmen

“Paris Calligrammes”: The Berlin Première of Ulrike Ottinger’s Personal and Political Masterwork, Richard Brody, New Yorker, “ULRIKE OTTINGER’S PERSONAL AND POLITICAL MASTERWORK […] The film is an extraordinary sort of aesthetico-political nonfiction bildungsroman […] a work of vital and energetic modernism […] confectionary wonder and frank observation [… ]profound act of intellectual montage“

Ulrike Ottinger „Paris Calligrammes“ im Kino: Poesie und Politik, Daniel Kothenschulte, Frankfurter Rundschau, 04.03.2020
„Die große Autorenfilmerin Ulrike Ottinger hat ein grandioses dokumentarisches Porträt der Pariser Bohème der frühen Sechziger geschaffen. […] Ein Panorama einer verlorenen Zeit, das weit über das eigene Werk hinaus weist.“

‘Paris Calligrammes’: Film Review, Jay Weissberg, Variety 06.03.2020
“An enriching journey through Ulrike Ottinger’s Paris of the 1960s, told in a way that deftly balances past and present to paint a picture of a threshold era of positives and negatives. […] 'Paris Calligrammes' should spark renewed interest in Ottinger’s work […] Her Paris isn’t the empty, rose-tinted fantasy of Woody Allen: It’s vital and contradictory, stimulating for positive and negative reasons, and her willingness to explore her experiences from multiple angles, as advised by the philosopher Victor Segalen, is what makes this documentary so enriching. […] Anette Fleming does excellent work editing the multitude of visual material in various formats, and the footage, whether licensed or newly shot, steers clear of the hackneyed and commonplace. […] Ottinger ends with Piaf singing “Non, je ne regrette rien,” which despite its ubiquity feels deeply satisfying; then she reminds us that Piaf dedicated the song to the pro-colonialist right-wing French Foreign Legion, and suddenly what seemed merely right becomes, in a word, perfect."

Die Flaneurin des Kinos, Carlin Weiden, SPIEGEL 06.03.2020
„Es lohnt sich, "Paris Calligrammes", in dem es die meiste Zeit dicht und gleichzeitig ausschweifend zugeht und malerische Sequenzen mit härteren Stoffen (Kapitel IV: Meine Pariser Freunde und das algerische Trauma) wechseln, mit Notizblock und Stift zu schauen.“

Zeiten des Aufbruchs, Anke Sterneborg, Sueddeutsche, 04.03.2020
„Flirrendes Selbstporträt und Hommage an das politisch und künstlerisch virulente Paris der Sechzigerjahre […] Immer zugleich nachdenklich und quicklebendig kompiliert Ottinger Archivbilder, Filmausschnitte, Interviewpassagen, Kunstwerke und Theatererfahrungen zu einem flirrenden Selbstporträt, das zugleich eine Hommage an das politisch und künstlerisch virulente Paris der Sechzigerjahre ist.“

Frankfurter Allgemeine Zeitung
„‚Paris Calligrammes zeigt und sagt, was heute ‚nicht stimmt‘ und wo die geschichtlichen Ursachen dafür liegen“

Süddeutsche Zeitung
„Ulrike Ottinger filmt im selben Genre wie Luis Buñuel oder Jacques Rivette, Jean Vigo oder Agnès Varda - ein ganz besonderes Wohlfühlkino, das vom Absurden ins Intellektuelle wechselt, vom Fantastischen ins Politische, vom Pittoresken ins Perverse.“

MDR Kultur - Knut Elstermann
„‚Paris Calligrammes‘ – Eine genauso kluge wie kritische Liebeserklärung an Paris“

Zitty
„Was Ulrike Ottinger dabei gelingt, ist am Ende nicht nur ein Flaniere in der eigenen Biografie, sondern ein Zeitdokument im Sinne von Jean Rauchs Idee eines lebendigen Museums, in dem sich Vergangenes und Gegenwärtiges glücklich verbinden. […] Ein lebendiges Museum“

kino-zeit.de, Lucia Wiedergrün
"Paris Calligrammes funktionierte dabei wie eine einzige klug durchdachte und sorgsam montierte Erinnerungslandschaft: Der sprichwörtliche „Abschied von Gestern“ des Neuen Deutschen Films trifft hier unentwegt auf den ersehnten „Aufbruch ins Jetzt“ und den „Blick ins Morgen“, für den der Name Ulrike Ottinger bis in die Gegenwart steht.“

rbb radioeins, Filmtipps 05.03.2020
„Ein wunderbar persönlicher Film […] eine Liebeserklärung an Paris […] Diese assoziative, anregende, kluge Liebeserklärung ist aus heutiger Sicht durchaus kritisch: Die Gewaltexzesse der Protestbewegungen, die Gentrifizierung der Stadt werden erwähnt, aber vor allem erscheint Paris als eine Schule des Lebens, als Zugang zu einer neuen, offenen Welt.“

Münchner Merkur
„Virtuos und mitunter herrlich komisch geschnitten von Anette Fleming verwebt Ottinger historische Szenen mit aktuellen Aufnahmen […] Diese Lust auf Entdeckungen zeichnet „Paris Calligrammes“ ebenso aus wie die sorgsam ausgewählten Archivaufnahmen“

artechock.de
„Dies ist ein revo­lu­ti­onärer Film. Er ist das, weil er komplett unzeit­gemäß ist; weil er dabei wunder­schön ist; weil er uns an das erinnert, was wir verloren haben oder nie gefunden; weil er uns die Neugier und den Aufbruch zeigt, die wir vergessen haben und uns an das erinnert, was wir mal waren, als wir jünger waren, als unsere Gesell­schaft weniger satt war, weniger alt und verknöchert. […] Eine überaus roman­ti­sche Geschichte also – ein Film für alle, die Frank­reich lieben. Ulrike Ottinger hat sich auf die Suche nach der verlo­renen Zeit begeben. Es ist ein Glück für uns, dass sie sie auch gefunden hat.“

3sat kulturzeit

WDR 4 „Soundtrack"

Festivals 2020

70. Berlin International Film Festival

20. Feb. 20 – 01. März 2020
Berlin

San Francisco Film Festival

8 – 21. April 2020
San Francisco

FID – Marseille

07. – 31. Juli 2020 Marseille

DocLisboa

22. Okt. – 01. Nov. 2020 Lissabon
Kapitel des Films
I

Fritz Picard und die Librairie Calligrammes / Fritz Picard and the Librairie Calligrammes

II

Das Atelier Friedlaender / Friedlaender’s Studio

III

Saint-Germain-des-Prés

IV

Meine Pariser Freunde und das algerische Trauma / My Parisian Friends and the Algerian Trauma

V

Pop! Meine Pariser Fomenexperimente / Pop! My Parisian Experiments with Forms

VI

Die Künstler des Montparnasse / The Artists of Montparnasse

VII

Die Präsenz des Kolonialen - Mein ethnografischer Blick in die Welt / The Presence of the Colonial - My Ethnographical View into the World

VIII

Kosmos Kino - Die Cinémathèque Française / Cosmos Cinema - The Cinémathèque Française

IX

Schatztruhen der Künste / Treasure Chests of the Art

X

Politische Revolte / Political Revolt

Epilog

Director’s Statement

1962 kam ich als junge Künstlerin nach Paris, um dort zu leben und zu arbeiten. Die Zeit bis 1969, in der ich die Stadt wieder verließ, wurde nicht nur für mich zu einer der prägendsten Phasen, sondern war auch zeitgeschichtlich eine Epoche der geistigen, politischen und gesellschaftlichen Umbrüche. Der Film Paris Calligrammes vereint meine persönlichen Erinnerungen an die 1960er Jahre mit einem Porträt der Stadt und einem Soziogramm der Zeit.

Der Ariadnefaden durch den Film ist ein Gang durch Paris mit vielen Stationen, an denen jeweils ein Thema, in nicht chronologischer Form, aufgegriffen wird. In der Tradition der Flanerie suche ich Brennpunkte der Stadt auf, die für mich persönlich wie auch für die 1960er Jahre bedeutsam waren, da sich dort entscheidende politische Ereignisse abspielten, wichtige kulturelle und künstlerische Begegnungen stattfanden oder sich neue soziale Formen des Lebens entfalteten.

Paris war zu dieser Zeit aber nicht nur ‚melting pot‘ der Intellektuellen und Künstler aus aller Welt, sondern durchlief die schwierige politische Phase der Dekolonisierung. Der Algerienkrieg überschattete wie später der Vietnamkrieg die Aufbruchphase nach dem Zweiten Weltkrieg und brachte die Menschen aus den Kolonien und die politischen Konflikte in die Hauptstadt. Meine Freundschaften, die sich in diesen Zeiten entwickeln, waren daher so international und bunt, wie spannungsreich und intensiv.

Ab Mitte, gegen Ende der 1960er Jahre bewegte sich schließlich alles auf eine große politische Revolte zu. Die von der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung ausgehenden und von den Studentenbewegungen Europas aufgegriffenen Proteste gegen den Vietnamkrieg und die Rassendiskriminierung brachen sich auch auf den Straßen von Paris Bahn. Es war ein überfälliger Aufbruch, der wichtige politische und soziale Veränderungen anstieß, in der Situation selbst zugleich aber auch gewaltsame, doktrinäre Züge entwickelte.

Der Ariadnefaden durch den Film ist ein Gang durch Paris mit vielen Stationen, an denen jeweils ein Thema, in nicht chronologischer Form, aufgegriffen wird. In der Tradition der Flanerie suche ich Brennpunkte der Stadt auf, die für mich persönlich wie auch für die 1960er Jahre bedeutsam waren, da sich dort entscheidende politische Ereignisse abspielten, wichtige kulturelle und künstlerische Begegnungen stattfanden oder sich neue soziale Formen des Lebens entfalteten.

Paris war zu dieser Zeit aber nicht nur ‚melting pot‘ der Intellektuellen und Künstler aus aller Welt, sondern durchlief die schwierige politische Phase der Dekolonisierung. Der Algerienkrieg überschattete wie später der Vietnamkrieg die Aufbruchphase nach dem Zweiten Weltkrieg und brachte die Menschen aus den Kolonien und die politischen Konflikte in die Hauptstadt. Meine Freundschaften, die sich in diesen Zeiten entwickeln, waren daher so international und bunt, wie spannungsreich und intensiv.

Besetzung/Stab

Buch, Regie & Kamera

Ulrike Ottinger

Schnitt

Anette Fleming

Sounddesign & Mischung

Detlef Schitto

O-Ton

Timothée Alazraki

Archiv

Marguerite Vappereau

Herstellungsleitung

Corina Ziller, Claire Lion

Producerin

Kornelia Theune

Koproduzent INA

Gérald Collas

Redaktion ZDF/3sat

Udo Bremer

Produzenten

Thomas Kufus, Pierre-Olivier Bardet

Eine Produktion von Zero One Film, Berlin in Koproduktion mit Idéale Audience, Paris, INA, ZDF/3Sat und Ulrike Ottinger Filmproduktion

Kinoverleih für Deutschland und Schweiz ist Real Fiction

Zum Weiterlesen

Künstlerisch bildet sich Ulrike Ottinger bei Johnny Friedlaender weiter, der sie in Radiertechniken unterrichtet und den Grundstein für ihre erste Karriere als bildende Künstlerin legt. Bald wendet sie sich jedoch zusammen mit ihren Pariser Künstlerfreunden der französischen Variante der internationalen Pop Art zu, der „Nouvelle Figuration“ oder „Figuration Narrative“: „Paris bietet dem Künstler sehr viel“, sagt sie in ihrem ersten Radiointerview von 1964, „aber, und das finde ich wichtig, es lässt ihm auch seine Eigenart.“

Zwei einschneidende politische Ereignisse rahmen Ulrike Ottingers Pariser Jahre: der ausgehende Algerienkrieg mit dem Massaker von Paris und die Studentenrevolte samt Generalstreik 1968. Das schärft ihre Sicht auf die koloniale Vergangenheit des Landes, die im Fall Algeriens bis heute weitgehend verschwiegen ist, aber in den Architekturen des ehemaligen Parc Colonial oder des Musée nationale de l’histoire de l‘immigration noch immer sichtbar ist und im früheren Textilviertel bei der Gare du Nord mit seinen Einwohnern aus den ehemaligen afrikanischen Kolonien eine lebendige Fortsetzung findet. Ottingers Blick auf die Überlagerung vergangener und heutiger kolonialer Strukturen ermöglicht ihr auch die kritische Reflexion des eigenen Standpunktes. Dabei folgt sie der Empfehlung des Ethnologen Claude Lévi-Strauss: „Um die eigene Kultur zu kennen und zu verstehen, muss man lernen, sie vom Standpunkt einer anderen aus zu betrachten.“

Vietnam und seine Folgen werden schließlich zum politischen Scheidepunkt ihrer Pariser Existenz. Ottinger und ihre Freunde diskutieren Kunst und Politik, bis „extreme ideologische Verhärtungen“ einen Dialog unmöglich machen. „Dem Mai 68 mit seinen berechtigten Forderungen nach Reformen war das Ziel aus den Augen geraten“, konstatiert Ottinger. Im Sinne der ursprünglichen Proteste hatte sich zu wenig geändert – und doch war alles anders. „Für mich war eine Ära zu Ende, eine andere begann.“

1969 verlässt Ulrike Ottinger Paris und wendet sich dem Filmemachen zu. Die erzählende Form ihrer am Comic Strip orientierten Malerei begreift sie als Vorstufe. „Das Kino, eine neue Kunst, in der ich alles, was mich interessierte, zusammenbringen konnte: Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges, Musik und Sprache, Rhythmus und Bewegung, Öffentliches und Privates, Politisches und Poetisches, Trauer und Freude.“

Entzündet hat sich ihre Liebe zum Kino schon als Stammgast in der Cinémathèque française. Und so finden ihre cineastischen, politischen und künstlerischen Pariser Erfahrungen direkten Eingang in den ersten eigenen Film. „Mit viel Enthusiasmus und wenig Geld“ dreht sie 1972 ihr Debüt „Laokoon & Söhne“.

Für dieses neue Abenteuer nimmt sie sich den „Rat an den gut Reisenden“ von Victor Segalen zum Vorbild, den sie als Motto für ihre filmische Erkundung der Pariser Metropole an den Anfang von „Paris Calligrammes“ gestellt hat: „Stadt am Ende der Straße und Straße die Stadt verlängernd. Wähle nicht die eine oder die andere, sondern die eine und die andere im Wechsel.“ Segalen habe sie überzeugt, „dass immer mehr als ein Weg zum Ziel führt.“ Auf der Suche nach dem Fremden wird Ulrike Ottinger später nach China, in die Mongolei und nach Alaska reisen, doch seinen Anfang nimmt ihr Weg zur Weltensammlerin auf den Straßen und in den Cafés von Paris.


Mit offenen Augen in der Wunderkammer Paris

Ulrike Ottinger hat sich in vielen ihrer Filme, Ausstel- lungen und Büchern als eine Ethnografin inszeniert, die uns auf ihre weiten Reisen in fremde Kulturen mitnimmt und zeigt, wie sie dort am Alltag und Festtag der Men- schen teilnimmt. Wir waren mit ihr in mongolischen Zelten und haben den Zeremonien der Schamanin bei- gewohnt, wir waren mit ihr Zeuge der Winter-Riten, die im tiefen Schnee rund um das japanische Neujahrs- fest zelebriert werden, und wir haben auf den Spuren der großen Welterkunder die nördlichsten Bewohnerinnen und Bewohner der Arktis kennengelernt und ihnen beim Fischfang und der täglichen Arbeit zugesehen.

In ihrem jüngsten Film erleben wir ein ganz neues Ka- pitel dieser Expeditionen. Diesmal ist es eine Zeitreise, die uns ins Paris der 1960er-Jahre führt. Die Utopie-For- schung unterscheidet zwischen Raum- und Zeitutopien. Der Film ist beides; er ist eine Raum-Utopie, aber nicht ans Ende der Welt oder in ein unbekanntes Land, son- dern mitten ins Herz der Metropole Paris. Und er ist auch eine Zeitutopie, doch liegt diese Zeit nicht in der Zukunft, sondern in der Vergangenheit. Er ist eine auto- biografische Reise zurück in die eigene Jugend, in die für Künstlerinnen und Künstler so bedeutende Zeit des coming of age.

Der Film, in dem Ulrike Ottinger diese prägende Phase ih- res Lebens aufgehoben hat, schlägt eine Brücke zwischen dem Einst und dem Jetzt. Die Bilder überlagern sich, ge- hen zum Teil fließend ineinander über. Am deutlichsten wird das sichtbar, wenn die Künstlerin das Schaufenster der ehemaligen Librairie Calligramme im Stadtteil Saint- Germain-des-Prés für eine eigene Ausstellung zurücker- obert. Für einen Moment wird die Auslage leergeräumt und mit ihren eigenen Büchern gefüllt, dem Schatz, den sie dort einst erworben und über die Zeiten gerettet hat. Genauso wie das Schaufenster ist der ganze Film gefüllt mit Eindrücken, Erlebnissen und Erinnerungen. Dabei ist die Zeit vor 50 Jahren, die vergangene Gegenwart, die er wiederaufleben lässt, gleichermaßen offen gegen- über dem Gewicht traumatischer Vergangenheiten wie gegenüber dem Sog einer experimentierfreudigen und lebensfrohen Zukunft.

Aleida Assmann

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